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Euregioverlag - Kassel & Region, Kunst & Kultur
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Hein, Christina
Nie vergessen: Stolpersteine in Kassel - Porträts von Menschen
euregioverlag 2020

120 Seiten mit vielen Abbildungen

ISBN 9783933617859



Menschen - Nachbarn, Freunde, Kollegen - die für immer verschwanden. Sie alle wurden Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat für sie in Kassel Stolpersteine verlegt. An ihrer letzten freiwillig gewählten Wohn- oder Wirkungsstätte – mitten in unserer Stadt. Mit seinem Stolperstein-Projekt hält Demnig die Erinnerung an sie auch in Kassel lebendig; so wie er bereits Zehntausenden, deren Existenz in der menschenverachtenden Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten vernichtet wurde, wieder einen Namen und Ort gegeben und Erinnerung ermöglicht hat. Christina Hein nimmt uns mit auf ihre Spurensuche. Mit ihren eindrucksvoll geschriebenen Biografien ermöglicht sie einen bewegenden Blick auf Lebensgeschichte und Schicksal hinter dem Stolperstein. Nähe entsteht. In aufwendiger Recherche und mit Unterstützung durch den Verein Stolpersteine Kassel holt Hein die Menschen so ein Stück weit zurück in unsere Mitte.



Mit Portraits von Dr. Felix Blumenfeld, Alfred Gail, Mathilde Popper, Dorrith Marianne Oppenheim, Marion Lieberg, Wilhelmine Pötter, Wolfgang Schönfeld, Lisel Lore Israel, Max Plaut, Luise Nauhaus, Kurt Finkenstein, Joseph Blättner, Hermann und Frieda Weiler, Hans Menges, Julius und Bella Dalberg, Werner Holländer, Patres Johann Albert Kremer und Karl Schmidt, Familie London, Richard Hauschildt, Valentin Gabel, Anna Katz, Traugott Eschke und Sara Nussbaum.

Und einem Interview mit dem Künstler Gunter Demnig





Preis: 14.90 €
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Seit dem Jahr 2011 werden in Kassel Stolpersteine verlegt. Die wachsende Flächenskulptur zum Gedenken an die Opfer des NS-Regimes breitet sich – wie an vielen Orten in Deutschland – auch auf den Wegen und Bürgersteigen Kassels aus. Unzählige Mal war der Künstler und Initiator Gunter Demnig in der Stadt, um eigenhändig die Stolpersteine in den Boden einzulassen. Für alle sichtbar

im Stadtbild sind die Messingplatten, auf denen die Namen und Lebensdaten der Menschen zu lesen sind, die unter Hitlers Terrorherrschaft verfolgt, vertrieben, beraubt, gequält und ermordet wurden. Dass ihre Namen und Schicksale nicht vergessen werden, ist nicht nur Gunter Demnigs Ziel, auch der Verein Stolpersteine in Kassel unterstützt ihn mit seinen Recherchen vor Ort. Und schließlich ist das Andenken der NS-Opfer aus Kassel auch das Anliegen dieser Publikation.Die Journalistin Christina Hein stellt hier 23 Menschen vor, für die in Kassel Stolpersteine verlegt wurden. Die Auswahl der Biografien ist dabei in keiner Weise repräsentativ für die Gesamtheit der Opfer der Nationalsozialisten. Als ein kleiner Ausschnitt mit einigen individuellen Porträts rückt sie Menschen in den Blickpunkt, die für die Millionen NS-Opfer stehen, die niemals vergessen werden dürfen.

„Christina Heins Porträts vermitteln einen bedrückenden Einblick in ein Unrechtsregime und davon, dass und wie ihm letztlich jeder zum Opfer fallen konnte. Gleichzeitig machen sie deutlich, dass die Kategorisierung in Opfergruppen nicht ausreicht, sondern jedes Schicksal einer eigenen Würdigung bedarf. Wie die Stolpersteine sind die Porträts ausdrückliche Würdigungen von Menschen,

derer im kollektiven Gedächtnis der Stadt bislang nicht oder kaum gedacht wurde – sieht man von einigen Prominenten wie zum Beispiel Sara Nussbaum oder Felix Blumenfeld ab.“

Aus dem Grußwort von Wolfgang Matthäus, Verein Stolpersteine in Kassel
Inhalt
Grußwort des Vereins Stolpersteine in Kassel e. V.

Ein gemeinsames Anliegen 7



Einleitung

Leere Straßen



Dr. Felix Blumenfeld

„Ich gehe aus dieser Welt der Gemeinheit, Niedertracht und Unmenschlichkeit“ 14



Alfred Gail

„Wir werden die letzten Opfer dieses Krieges sein“ 20



Mathilde Popper

Als Jude „ritterlich gehandelt“ 24



Dorrith Marianne Oppenheim

„Sei immer lieb und brav“ 28



Marion Lieberg

Marion überlebte als Kindertransportkind

– die Eltern und der kleine Bruder starben im KZ 33



Wilhelmine Pötter

Nur Gott gehorsam 37



Wolfgang Schönfeld

Versteckt, inhaftiert, erschossen 41



Lisel Lore Israel

Statt Abitur Zwangsarbeit in der Rüstungsfabrik und Tod im KZ 45



Max Plaut

Das erste Mordopfer der Nazi-Gräuel in Kassel 49



Luise Nauhaus

„Sanft, still, gutmütig“ 53



Kurt Finkenstein

„Bis ich muntrer Stieglitz flügellahm gemacht“ 57



Joseph Blättner

Mit dem Kleinkind in den Tod 62



Hermann und Frieda Weiler

Erst die Pogromnacht 1938 öffnete ihnen die Augen 64



Hans Menges

Ein Mitläufer wurde zum NS-Gegner –

Er wollte „einschreiten gegen das, was sich hier abspielt“ 69



Julius und Bella Dalberg

Von der SA misshandelt, in Sobibor ermordet 74



Werner Holländer

Wegen „Rassenschande“ mit dem Fallbeil hingerichtet 78



Patres Johann Albert Kremer und Karl Schmidt

„Zeugen der Güte Gottes“ – Katholische Ordensbrüder im Visier der Gestapo 84



Familie London

Ein Zylinder und eine Namensgleichheit 90



Richard Hauschildt

Er sah keinen Ausweg 94



Valentin Gabel

„Ich kenne den Weg, den ich gehen muss“ 98





Anna Katz

„Ich habe doch nichts verbrochen“ 102



Traugott Eschke

Ein politisches Opfer der NS-Diktatur macht in Kassel den Auftakt für die

Stolperstein-Verlegungen 106



Sara Nussbaum

Sie kam zu Fuß nach Kassel zurück 110





Interview mit dem Künstler

Gunter Demnig 116



Sponsoren 118



Bildnachweis 119



Impressum 120





Vorwort
Leere Straßen



Mit seiner großen Aktion „Stolpersteine“ erinnert der Künstler Gunter Demnig an die Opfer des NS-Regimes auf ganz persönliche Weise. Der Verein „Stolpersteine in Kassel“ unterstützt ihn dabei mit seinem Wirken vor Ort.

Auch dieses Buch mit Porträts von Menschen, für die in Kassel Stolpersteine verlegt wurden, möchte sich einreihen und einen Beitrag leisten, damit das Andenken an die Opfer lebendig bleibt.



„Ich gehe durch die leeren Straßen. Für mich bleiben sie leer, selbst am Abend, in der Stoßzeit, wenn die Leute zu den Metro-Eingängen drängen. Ich kann nicht anders, als an sie zu denken und in bestimmten Vierteln ein Echo ihrer Gegenwart zu verspüren.“



Diese Sätze auf der letzten Seite des Buches „Dora Bruder“ von Literaturnobelpreisträger Patrick Modiano beschreiben das Ende einer verzweifelten Spurensuche. Zuvor hatte der französische Schriftsteller versucht, dem Schicksal eines jüdischen Mädchens mit Namen Dora Bruder nachzuspüren, nachdem er in einer Pariser Zeitung vom 31. Dezember 1941 auf eine unscheinbare Vermisstenanzeige gestoßen war. Eine 15-Jährige ist aus einem katholischen Internat fortgelaufen, ihre Eltern suchen sie: „1,55 Meter groß, ovales Gesicht, graubraune Augen, sportlicher grauer Mantel, weinroter Pullover, dunkelblauer Rock und Hut, braune sportliche Schuhe“. Die Informationen aus der Zeitung sind mager.

Patrick Modiano begibt sich auf eine ein Jahrzehnt andauernde Recherche, um Dora Bruder dem Vergessen zu entreißen. Sie war, wie er nach und nach herausfindet, ebenso wie ihre Eltern von den Nazis deportiert und in Auschwitz umgebracht worden. Es ist ein ohnmächtiges Kämpfen des Schriftstellers durch Karteien und Registraturen, durch Archive und Antiquariate. Doras sich verflüchtigende Gegenwart festzuhalten und sichtbar zu machen, wird zu Modianos Mission.

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn der Name vergessen ist“, zitiert der Bildhauer Gunter Demnig aus dem Talmud und stellt diesen Satz seiner Kunstaktion „Stolpersteine“ voran.

Seine Idee ist stark und bestechend einfach: Stolpersteine sollen die Erinnerung an die Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes lebendig halten und Teil der Stadtgeschichte und -topografie werden – nicht in Form eines großen Mahnmals, sondern als Alltagskultur und niemals abgeschlossenes Flächenmonument.

Sechs Millionen ermordete Juden, so Demnig, das sei doch eine unfassbare Zahl, „völlig abstrakt, genau wie der Begriff Auschwitz“. Darunter könnten sich gerade die Jüngeren kaum etwas vorstellen. Wenn man aber mit eigenen Augen sehe: „Der Terror startete hier bei mir auf dem Dorf, in der Stadt, in meiner Straße, meinem Haus, dann wird es konkret.“

Deshalb begegnet man Stolpersteinen auf Bürgersteigen, Straßen, Wegen, vor Hauseingängen, aber auch vor Theatern, Krankenhäusern und anderen Gebäuden: zehn mal zehn Zentimeter große Messingplatten, in denen die Namen und die Lebensdaten von Menschen eingraviert sind. Die allermeisten sind jüdische Menschen, die in den 1930er- und 1940er-Jahren von Nazi-Schergen umgebracht wurden, vergast, erschossen, zu Tode gequält: in Arbeits- und Todeslagern, in die sie zuvor deportiert worden waren. Aber auch auf den Straßen ihrer Heimatorte wurden Menschen erniedrigt, geschlagen, getötet, am helllichten Tag, nachts, in Gefängnissen ebenso wie unter freiem Himmel.

Auf dem Stolperstein, den Gunter Demnig für jeden einzelnen von ihnen verlegt, steht ein einziger Name: der des Opfers selbst. Es geht um diesen einzelnen Menschen, darum, an ihn zu erinnern, seiner zu gedenken.

Demnigs Idee ist es, dass auf unseren täglichen Wegen an die individuellen Schicksale der NS-Opfer erinnert wird. Wären sie nicht ermordet worden, könnten sie und ihre Nachfahren heute unsere Nachbarn, Kollegen, Freunde sein. Gleichzeitig ist jeder einzelne Stolperstein Warnung und Aufforderung, wachsam gegenüber Faschismus, Antisemitismus, Rassismus und Menschenverachtung im Allgemeinen zu sein. Es gilt, sich dem deutlich entgegenzustellen.

Alle Menschen, deren Namen auf Stolpersteinen zu lesen sind, eint das Schicksal, Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes Adolf Hitlers zu sein. Unter ihnen befinden sich nicht nur Juden, sondern auch politische Gegner und Widerstandskämpfer, Opfer der sogenannten Euthanasie und Deserteure, Kindertransportkinder, Angehörige von Minderheiten, Homosexuelle, Sinti und Roma, Bibeltreue, Priester, Außenseiter, Aufrechte und solche, die hingerichtet wurden, weil sie Kritik an Hitler und seinem Regime geäußert hatten.

Es scheint ein nie versiegender Strom an Stolpersteinen zu sein, den Gunter Demnig so gut wie täglich irgendwo in Deutschland aber auch an anderen Orten in Europa – meist eigenhändig – verlegt. Der Standort ist dabei von Demnig genau definiert: Es handelt sich in der Regel um die letzte bekannte, frei gewählte Privatadresse des NS-Opfers. Es kann auch der Arbeitsort oder die Wirkungsstätte sein. Inzwischen sind es weit über 70.000 Stolpersteine in mehr als 1.000 Städten und Gemeinden. Das 1992 in Köln gestartete Erinnerungskunstwerk gilt als das größte dezentrale Denkmal der Welt.

Vielfach sind an Demnigs Kunstaktion örtliche Unterstützervereine und -initiativen beteiligt. Diese Vernetzung, dieser Kontakt mit den Menschen, ist für Gunter Demnig von großer Wichtigkeit.

Die Aktiven vor Ort stellen in der Regel umfangreichere und zeitaufwändigere Recherchen an, als es Demnigs Mitarbeiter-Team möglich ist. Sie verfassen ausführliche Gedenkblätter für die Opfer, regen Patenschaften und Pflegevereinbarungen an, schaffen Öffentlichkeit, pflegen die Beziehungen zur Stadtgesellschaft und zu den Medien und bemühen sich, wenn möglich, Kontakt zu Angehörigen herzustellen.

Diese Arbeit ist von unschätzbarem Wert – auch in historischer Hinsicht – denn es kommen nicht selten Fundstücke, Aufzeichnungen, Briefe, Dokumente zum Vorschein, die sich verborgen in Privatbesitz befanden, und deren Wert und Bedeutung ohne die Recherchen für die Stolpersteine unter Umständen gar nicht erkannt worden und für die Öffentlichkeit verschollen geblieben wären. Beispielsweise Briefe, die dem Verein „Stolpersteine in Kassel“ von Angehörigen erst zur Verfügung gestellt wurden, als Vereinsmitglieder aktiv nachfragten.

Zu diesen herausragenden Dokumenten zählt der Abschiedsbrief von Dr. Felix Blumenfeld. Der renommierte Kasseler Kinderarzt hat sich am 25. Januar 1942 das Leben genommen, weil er die antisemitischen Erniedrigungen und Quälereien der Nationalsozialisten nicht länger ertrug und sich seiner Deportation und Ermordung durch NS-Schergen entziehen wollte. In seinem unendlich traurigen, reflektiert formulierten und dabei bis ins Mark erschütternden Brief an seine ins Ausland emigrierten Söhne, legt er nicht nur voller Würde die Beweggründe für seinen Suizid dar, sondern er zeichnet auch ein Panorama der NS-getränkten Kasseler Gesellschaft der 1930er-Jahre.

Blumenfelds Brief kann und muss jetzt als neues Mosaiksteinchen und authentisches Dokument der Stadtgeschichtsschreibung hinzugefügt werden. Er war von der heutigen Blumenfeld-Generation, die in den USA lebt und sich aus Abscheu vor Nazi-Deutschland den Namen Bloomfield gegeben hat, nie gelesen worden, weil er erstens in deutscher Sprache und zweitens in Sütterlin-Schrift verfasst worden war.

Für das Gedenkblatt stellten die Bloomfields den Brief Jochen Boczkowski, dem Vorsitzenden des Kasseler Stolpersteinvereins, zur Verfügung. Der transkribierte ihn zusammen mit Hans Peter Klein und förderte einen dunklen Edelstein der Kasseler Historie zutage.

Solche Beispiele sind nicht selten. Die Stolpersteine regen viele Menschen an, zum Schicksal von NS-Opfern neue Recherchen anzustellen und dabei so manches für die Geschichte und die Erinnerung zu retten, bevor es für immer verloren geht.

Der Verein Stolpersteine in Kassel ist ein Motor und aktiver Wegbereiter an der Seite Gunter Demnigs. Nicht umsonst sind sie zusammen, sowohl Jochen Boczkowski – stellvertretend für den gesamten Verein – als auch Gunter Demnig, im Februar 2019 mit der Ehrennadel der Stadt Kassel geehrt worden. Zu den hohen Auszeichnungen Demnigs gehört auch das Bundesverdienstkreuz, und die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem attestierte seinen Stolpersteinen: „It´s a wonderful project“.

Dabei war der Weg dahin in Kassel nicht ganz stolperfrei. Während die Stolpersteine in anderen deutschen Städten bereits fleißig verlegt wurden und sich ausbreiteten, beugte sich die Stadt Kassel lange dem Wunsch der Jüdischen Gemeinde und sperrte sich gegen das Verlegen auf öffentlichen Straßen und Wegen. Die Kasseler Juden hatten sich ebenso wie die Münchener den Bedenken der ehemaligen Präsidentin des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, angeschlossen, die die Ansicht vertrat, eine Platte im Gehsteig, die man beschmutzen, auf die man mit Schuhen treten und sogar spucken könne, sei kein angemessenes, kein würdevolles Gedenken für NS-Opfer.

Und so entstand um die engagierte Kasseler Bürgerin Ingrid Pee aus der Bevölkerung heraus eine Initiative, die sich – als Alternative – für das Verlegen von Stolpersteinen auf privaten Grundstücken stark machte. Auf diese Weise konnten Genehmigungsprozesse der Stadtverwaltung umgangen werden.

Und so wurde schließlich im Mai 2011 der erste Stolperstein in Kassel verlegt: für den politisch Verfolgten Traugott Eschke (1895–1943). Der Maschinenschlosser bei der Reichsbahn war Mitglied der KPD-Bezirksleitung Kurhessen-Waldeck. Als entschiedener Gegner der Nazi-Diktatur war er – mitten aus einer Gemeindevertretersitzung heraus – in Schutzhaft genommen und nach grausamer Folter 1935 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt worden. Nach acht Jahren im Gefängnis Wehlheiden ist Traugott Eschke im Alter von 48 Jahren am 8. Januar 1943 an den Folgen unmenschlicher Haftbedingungen gestorben. Einen Tag zuvor hatte man den Sterbenden eilig aus der Haft entlassen. Seinen Gedenkstein mit Messingplatte verlegte Gunter Demnig auf einem Privatterrain der Familie vor Eschkes Wohnhaus in Harleshausen, in dem jetzt Eschkes Urenkel lebt.

Die positive – auch mediale – Resonanz auf diese Aktion war groß. Schließlich lenkte die Kasseler Jüdische Gemeinde ein und mit ihr auch die Stadt. Inzwischen stehen beide voll und ganz hinter der Stolperstein-Idee und unterstützen diese Art des Gedenkens sowohl tatkräftig als auch ideell.

Ein entsprechender Förderverein ließ danach nicht mehr lange auf sich warten. Jochen Boczkowski, der sich seit Jahrzehnten in der Friedens- und Gewerkschaftsbewegung engagiert, ist Gründungsmitglied und war von Anfang an Vereinsvorsitzender. Über 60 Vereinsmitglieder unterstützen ihn und die anderen Gründer im Vorstand: Norbert Sprafke, Wolfgang Matthäus, Jürgen Strube, Gudrun Schmidt und Frank-Matthias Mann.

Es vergeht kaum ein halbes Jahr, ohne dass in Kassel neue Stolpersteine für ehemalige Bürger der Stadt verlegt werden, damit sie niemals in Vergessenheit geraten.

Sofern es Angehörige gibt, kommen viele oft von weit her zur kleinen Verlege-Zeremonie angereist. Manchmal gibt es am Stolperstein sogar Familienzusammenführungen, begegnen sich in Kassel die Nachfahren zum ersten Mal. Häufig waren die Angehörigen nie zuvor in der Heimat ihrer Vorfahren, die über ihre Familie das unfassbare Leid und Tod gebracht hatte.

Und häufig sind sie anschließend von Dankbarkeit für das Gedenken erfüllt. Es sei eine „großartige, versöhnliche, kaum in Worte zu fassende Arbeit“, die Demnig leiste, sagte Susan Hodgins aus Schottland, deren Mutter Dorrith Oppenheim als Kindertransportkind aus Kassel gerettet wurde und deren Großeltern in Auschwitz den Tod fanden. Zur Stolperstein-Verlegung waren sie und ihr in den USA lebender Bruder David Sim nach Kassel angereist.

Manchmal kann ein Stolperstein sogar zu so etwas wie Trost und Erlösung führen. Wie für Manfred Goldberg aus London, der zusammen mit seiner Mutter das KZ Stutthof überlebte, dort aber spurlos seinen jüngeren, zehn Jahre alten Bruder Hermann verlor. Sein Leben lang habe er verzweifelt nach „Hermi“ gesucht und sich schwere Vorwürfe gemacht, erzählte seine Frau Zivi Goldberg. Das unbekannte Schicksal des kleinen Bruders habe ihn unvorstellbar gequält. In Kassel, wohin Manfred mit seiner Familie zur Stolpersteinverlegung nach über 70 Jahren zum ersten Mal zurückkam, gab es tief bewegende Momente. Manfred Goldberg traf hier mit einem ehemaligen Klassenkameraden zusammen, der wie er die Konzentrationslager Riga und Stutthof überlebt hatte und der nach der Befreiung wieder nach Kassel zurückgekehrt war.

Vor allem aber konnte der fast 90-jährige Manfred Goldberg abschließen und zum ersten Mal trauern, indem er einen kleinen Stein auf den Stolperstein für seinen Bruder legte: die symbolische Geste der Juden, um sichtbar ihrer Toten zu gedenken, sie still zu ehren und in Gemeinschaft ihre Trauer auszudrücken.



Die Porträts in diesem Buch basieren auf den aufwändigen und zum Teil wissenschaftlichen Recherchen und Gedenkblättern des Vereins Stolpersteine in Kassel. Die Auswahl der Biografien ist dabei in keiner Weise repräsentativ für die Gesamtheit der Opfer der Nationalsozialisten. Wichtig für die Zusammenstellung war der Autorin zu zeigen, dass das nationalsozialistische Unrechtsregime nicht nur einen an Grausamkeit beispiellosen Genozid an den Juden verübte, sondern grundsätzlich Menschen auslöschte, die nicht in ihr Weltbild passten, dieses kritisierten und gefährdeten.

Für die Auswahl der Porträts war letztlich auch – ganz plakativ -–die Dokumentenlage ausschlaggebend. Sind Fotografien oder andere Illustrationen vorhanden, können die besonders eindrucksvoll Biografien bebildern. Noch wertvoller sind Briefe, Tagebücher und andere fixierte Selbstauskünfte, die O-Töne ersetzen können. Von den meisten der Opfer, vorwiegend jenen, die mit ihren ganzen Familien ausgelöscht wurden, solchen, die in der Gesellschaft keine exponierte und dokumentierte Stellung einnahmen und den vielen Menschen aus prekären Lebenssituationen sind vermutlich keinerlei Zeugnisse wie Fotos mehr vorhanden. An diese Menschen muss ebenso erinnert werden. Und dies war ja auch die große literarische Herausforderung für Patrick Modiano.

Für eine Sammlung von umfassenden, nachträglich recherchierten und zusammengestellten Biografien sind aber solche mit einer guten Quellenlage nahbarer. Sie können die verflüchtigende Gegenwart der Opfer besonders anschaulich festhalten und für die Leser sichtbar machen.

Christina Hein
Leseproben
Ein Zylinder und eine Namensgleichheit



Eine Hutschachtel führte auf die Spur der ermordeten Familie London – nur Sohn Hans Joachim überlebte in Palästina



Der junge Mann mit dem schillernden Namen Louis London kommt um 1900 aus einem kleinen Dorf bei Bremen nach Kassel, um hier sein Glück zu machen. Grundsolide statt glamourös ist es das Glück des Tüchtigen: Louis London gründet eine Familie und führt mit raschem Erfolg ein Textilgeschäft. Doch dann zieht der Naziterror auf. Louis, seine Frau Selma und Tochter Lina Dina werden deportiert und ermordet. Nur Sohn Hans Joachim kann sich aus Nazideutschland retten.



Louis, am 12. Dezember 1877 als Sohn eines norddeutschen Schlachtermeisters geboren, wohnt in Kassel zunächst in der Gießbergstraße 36. Im November 1900 zieht er – auch hier wieder zur Untermiete – in die Schillerstraße 19. Seine Vermieterin, die verwitwete Henriette Löwenstern, Mutter von zwei erwachsenen Kindern, wird später seine Schwiegermutter.

Am 12. Oktober 1903 eröffnet Louis an der Marktgasse 15 ein Geschäft, das bald eine Attraktion sein wird. Es ist der erste auf Sporttextilien und -ausstattung spezialisierte Laden der Stadt. Stolz auf sein großes Sortiment wirbt Louis London in der Presse mit seiner „extra Abteilung für Herrenartikel“. Auch Chapeaux claques, also Zylinder, werden laut Werbetext geführt, ebenso Jagdwesten, Sweater und Mützen mit Ohrenklappen.

Im November 1904 verlegt Henriette Löwenstern ihre Pension in die Jägerstraße 15. Louis zieht mit ihr um und kommt den Löwensterns auch privat näher: Er verliebt sich in Henriettes Tochter Selma. Zwei Jahre später, am 1. August 1906, heiraten sie. Das Paar verlässt den Haushalt Henriettes, bezieht eine Wohnung in der Wörthstraße 28 und gründet dort einen eigenen Hausstand.

Louis Londons Geschäfte laufen gut. Alle Sportvereine aus Kassel und der Umgebung kaufen bei ihm ein. Die Kunden sind zufrieden mit Londons Service und Angebot. Schon bald wird das Ladengeschäft zu klein. Louis London erwirbt 1908 das gegenüber liegende Haus Marktgasse 10 und richtet dort seinen neuen Laden ein. Über dem Ladenlokal im Erdgeschoss befinden sich drei Stockwerke Lagerräume. Auch das Personal stockt er auf. Er beschäftigt jetzt fünf Verkäuferinnen und zwei Lehrmädchen. Ehefrau Selma steigt in das Geschäft ein und kümmert sich um den Einkauf der Waren und firmiert als Prokuristin.

Am 29. März 1914 kommt Tochter Lina Dina zur Welt. Die Familie zieht in eine größere Wohnung in die Schillerstraße 7. Hier wird am 24. Januar 1916 Sohn Hans Joachim geboren. Beide Kinder erfahren sorgfältige Ausbildungen, bekommen Sport- und Musikunterricht, verfügen über viele Bücher. Lina Dina besucht die Höhere Töchterschule am Kästnerschen Lyceum. Hans Joachim geht auf die Henkel-Privatvorschule und ab 1926 aufs Wilhelmsgymnasium. Er will Medizin studieren und Arzt werden.

Die Londons leben in guten finanziellen Verhältnissen, beschäftigen Hausangestellte und verbringen ihre Urlaube in Tirol und in Paris. 1925 stirbt Henriette Löwenstern.

Mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933 zieht für die Londons akute Lebensbedrohung auf. Wie auch anderswo wüten SA-Horden in der Kasseler Innenstadt und werfen die Schaufenster jüdischer Geschäfte ein. Louis Londons Sporttextilien-Geschäft bleibt davon nicht verschont.

Im Februar 1933 besucht Adolf Hitler Kassel und lässt sich von den Menschenmassen zujubeln. Nach diesem Ereignis sollen auch die Schüler in Hans Joachims Klasse einen Aufsatz zum Thema „Hitler in Kassel“ schreiben. Londons Aufsatz war sehr kritisch. „Er schlug ein wie eine Bombe“, erinnert er sich später. Doch der Druck, der auf ihn als jüdisches Kind von Lehrern und Mitschülern ausgeübt wird, ist so stark, dass er es nicht mehr erträgt und die Schule verlässt. Er verabschiedet sich von seinen Plänen zu studieren und beschließt, eine Handwerksausbildung zu beginnen. Aber überall, wo er sich bewirbt, erntet er Absagen, ob bei den Freunden und Geschäftspartnern seines Vaters oder bei großen Unternehmen wie Henschel. Das liegt auch daran, dass die Kasseler Handwerkskammer die Beschäftigung von jüdischen Lehrlingen inzwischen verboten hat.

Und so beschließt Hans Joachim 1935 im Alter von 19 Jahren seine Heimatstadt zu verlassen und nach Palästina auszuwandern. Zuvor war der Antrag seiner Familie auf Visa für die USA abgelehnt worden.

Nach der Pogromnacht im November 1938 wird Vater Louis London am 11. November verhaftet und in das KZ Buchenwald deportiert. Wochen später wird er wieder entlassen. „Mit dieser Aktion wollten die Nazis vor allem die wohlhabenderen jüdischen Einwohner zum Verkauf ihres Vermögens zwingen“, schreibt Ulrike Neyer, die das Stolperstein-Gedenkblatt für die Londons verfasst und umfangreiche Recherchen zur Geschichte der Familie angestellt hat.

Die NS-Boykotte jüdischer Geschäfte führen das Magazin London an den Rand des Ruins. Im Frühjahr 1938 muss Louis London seine letzte Angestellte entlassen. Im Geschäft verkauften nur noch Mutter und Tochter London. Im Juli 1940 sind die Londons gezwungen, ihr Haus und Grund zu verkaufen. Sie befinden sich unter den ersten Kasseler Juden, die am 8. Dezember 1941 von der Gestapo in einer Schulturnhalle an der Schillerstraße (heute Arnold-Bode-Schule) kaserniert werden, um dann in das Ghetto Riga deportiert zu werden. Die Fahrt dorthin beginnt für Louis, Selma und Lina am 9. Dezember 1941 vom Gleis 13 des Kasseler Hauptbahnhofs aus. Am 5. April 1942 werden sie im Wald von Bikernieki in der Nähe des Ghettos erschossen.



Es war ein Zufallsfund auf einem Flohmarkt, der Ulrike Neyers Aufmerksamkeit auf die Familie London gelenkt hatte: Die Mitarbeiterin der Murhardschen Bibliothek in Kassel und Familienforscherin aus Lohfelden, hatte auf einem Hausflohmarkt in Vollmarshausen ein kurioses Fundstück erstanden: einen Zylinder mit dazugehöriger Hutschachtel. „Ich fragte mich, wie alt der Zylinder wohl sein könnte, denn auf der Hutschachtel war Kassel noch mit „C“ geschrieben“, erzählt Neyer. Auch die Aufschrift „Magazin London, Inhaber Louis London“, die ihr als Markenname für hochwertige Strickmode bekannt war, habe sie neugierig gemacht.

Wer den Zylinder einst gekauft hatte, erfährt sie von der ehemaligen Besitzerin des Hauses: Es war der Küfer Justus Conrad Wille (1878–1906). Neyer recherchierte zudem, dass Louis London sein Geschäft – laut Adresse auf der Hutschachtel – 1903 eröffnet hatte. „Somit war das Alter des Zylinders aus der Zeit zwischen 1903 und 1906 geklärt. „Ich war neugierig, ob es einen Zusammenhang zwischen diesem Louis London aus Cassel und der berühmten Modemarke gibt“, so Neyer. Ihre Recherchen ergeben: Es gibt keinerlei Verbindung. Es handelt sich lediglich um eine zufällige Namensgleichheit. Stattdessen stößt Ulrike Neyer auf eine tragische Geschichte aus Kassel, auf das Schicksal der jüdischen Familie London, die wie Millionen in Deutschland Opfer des Holocaust wurde. Bis auf Sohn Hans Joachim, der nach Palästina fliehen kann, werden alle Kasseler Londons – Louis, Selma und Lina – von den Nazis ermordet.

Damit ihre Forschungen, die so harmlos begonnen hatten, einen Sinn bekommen, nimmt Ulrike Neyer Kontakt zum Verein Stolpersteine in Kassel auf und initiiert so, dass für die Londons Stolpersteine verlegt werden und die Erinnerung an sie lebendig bleibt. Im Gedenkbuch „Namen und Schicksale der Juden in Kassel 1933 – 1945“ sind die Londons nicht aufgeführt. Um so wichtiger erscheint es Neyer, dass ihre umfangreichen Recherchen jetzt in das Gedenkblatt für die Londons fließen, nachzulesen auf der Internetseite des Stolperstein-Vereins.



Allein Sohn Hans Joachim London überlebt in Palästina den Holocaust. Nach dem Krieg, im Mai 1947, kehrt er in seine Heimatstadt Kassel zurück. Später notiert er: „Als ich den Herkules sah, begann mein Herz schneller zu schlagen, Erinnerungen an eine schöne Kindheit stürmten auf mich ein.“ Doch er fühlt sich „einsam, verlassen und unendlich traurig“. Er suchte nach Verwandten aber: „Es war keiner mehr am Leben.“

Wieder in Deutschland zu leben, ist für ihn keine Option. Mit seiner Frau, Edith Margret Prawy, die er in Wien heiratet, wandert Hans Joachim London 1951 nach New York aus. Er ändert seinen Namen in John Leslie und findet Arbeit beim Autokonzern General Motors. Dort arbeitet er sich bis zum Ingenieur hoch. Das Paar bleibt kinderlos. Hans Joachim stirbt 2001, Edith 2007.



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