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Ehrhardt, Holger
Dorothea Viehmann: Die Märchenerzählerin der Brüder Grimm
Dorothea Viehmann:

Die Märchenerzählerin der Brüder Grimm



Mit Beiträgen von Vera Leuschner, Heinz Rölleke, Christian Presche, Natacha Rimasson-Fertin, Karl-Hermann Wegner und Holger Ehrhardt



Hg. von Holger Ehrhardt

160 Seiten, Festeinband



euregioverlag 2012

ISBN: 978-3-933617-51-4



Umfangreiche Dokumentation über Leben und Werk der berühmtesten Beiträgerin zu den Grimmschen Kinder und Hausmärchen
Preis: 20.00 €
(Preis inkl. Mehrwertsteuer zzgl. Versandkosten)
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Rezensionen
""Der Sammelband bietet einen mindestens doppelten Gewinn: Er besticht nicht allein durch seine wissenschaftliche Solidität, sondern ist mit seinen vielen farbigen Abbildungen in bester Bildqualität auch optisch ein mehr als ansprechendes Buch. Er wird in der Grimm-Forschung ohne Zweifel von dauerhaftem Wert bleiben, wird aber auch im weiteren Kreis der interessierten Grimm- und Märchenfreunde sicherlich viele dankbare Leser finden." Lothar Blum in der Zeitschrift "Wirkendes Wort" über Dorothea Viehmann.



"Das war der erste Streich von Brüder-Grimm-Stiftungsprofessor Dr. Holger Erhardt. In der Reihe 'Die Region trifft sich 'die Region erinnert sich' der Kasseler Sparkasse gab er das Buch 'Dorothea Viehmann' heraus. Für Nordhessen ist es besonders interessant, dass 'die Viehmännin' weitaus mehr war als eine einfache Bauersfrau aus Zwehren. Der Herausgeber des Buches konnte nachweisen, dass der Geburtsname Dorothea Viehmanns Pierson weit über die französischen Vorfahren hinausgehend bis in die niederländische Provinz Zeeland und nach Schottland zu verfolgen ist. Das wirft ein neues Licht auf die Tradition der Viehmannschen Märchen, die demnach keine nordhessischen Volksmärchen sind, sondern eine französisch-hugenottische Tradition mit schotischen und niederländischen Einflüssen aufweisen. Dass die Viehmännin keine einfache Bauersfrau , sondern mütterlicherseits mit Goethe verwandt war, war schon länger bekannt. Spannend und unbekannt bislang war allerdings, dass der akademische Lehrer der Grimms, Friedrich Carl von Savigny, der sie erst auf die ungehobenen 'Volksschätze' aufmerksam gemacht hatte, ebenfalls mit der Märchenfrau verwandt war.

Der renommierte Märchenforscher Heinz Röllecke zeigt die hohe Erzählkunst der Niederzwehrenerin, die in der Knallhütte zur Welt gekommen war, am Beispiel des Märchens 'Der Teufel mit den goldenen Haaren'.

Christian Presche hat die Entwicklung der Knallhütte detailliert untersucht und kam zu der Erkenntnis, dass das Geburtshaus der Frau dort gestanden haben muss, wo heute das Verwaltungsgebäude der Hütt-Brauerei ist. Er untersucht auch noch einmal die Herkunft des Namens Knallhütte. Natascha Rimasson-Fertin beschäftigt sich mit den französischen Vorlagen dreier Grimm-Märchen. Karl-Hermann Wegner macht deutlich, welche Bedeutung das hugenottische Selbstverständis Dorothea Viehmanns für das Zusammentreffen mit den Brüdern Grimm hatte. Interessant ist auch die von Ludwig Denecke veröffentlichte wortwörtliche Grimm-Mitschrift einer Erzähluing der Märchenfrau. Sie gibt einen Einblick in ihre „unbearbeitete“ Erzählweise. Dorothea Viehmann starb übrigens völlig verarmt in Niederzwehren. Die genaue Stelle, an der sie begraben wurde, ist bis heute nicht bekannt." (Rainer Hahne, Extratip)
Mehr Infos
Dorothea Viehmann, die auf der Knallhütte bei Rengershausen geboren wurde und später in Niederzwehren lebte, ist zweifelsohne die bekannteste Märchenbeiträgerin der Brüder Grimm. Während sie als "Märchenfrau" nach ihrem Tod (1815) berühmt wurde, geriet die historische Person langsam in Vergessenheit.

Als um 1885 erste Nachforschungen über sie angestellt wurden, konnte nur noch Weniges aus ihrem Leben rekonstruiert werden. Daran hat sich auch bis heute – trotz detektivischer Arbeiten einiger Viehmann-Forscher – im Wesentlichen nichts geändert, sodass vieles aus ihrem Leben unbekannt, manches sogar rätselhaft bleibt. Anders verhält es sich mit den Märchen, die sie zur Sammlung der Brüder Grimm beigetragen hat.

Die Zahl der Forschungsbeiträge ist unüberschaubar und das Interesse an diesen Märchen breit gefächert. Dennoch ist es noch lohnenswert, sich immer wieder auf neue Weise mit ihren Märchenerzählungen und den Bearbeitungen durch die Brüder Grimm auseinanderzusetzen. Die Auswahl der Beiträge zum vorliegenden Band möchte beidem, dem Leben und dem Werk von Dorothea Viehmann, gerecht werden. Doch wurde hier nicht nur der aktuelle Forschungsstand aufgearbeitet, sondern der Band kann auch mit einer ganzen Reihe neuer Erkenntnisse und sogar neuen Entdeckungen aufwarten.

Inhalt
Vorwort

Ingo Buchholz



Dorothea Viehmann, geb. Pierson. - Herkunft, Lebensweg und Erinnerung

Holger Ehrhardt



Die Beiträge der Dorothea Viehmann zu Grimms 'Kinder- und Hausmärchen'

Heinz Rölleke



Echt hessische Märchen? Französische Einflüsse und Motive in den Viehmannschen Märchen der Brüder Grimm

Natacha Rimasson-Fertin



Die Bedeutung der Hugenotten für die kulturelle Entwicklung Kurhessens. Zum französischen Erbe der Dorothea Viehmann

Karl-Hermann Wegner



'Und aus großen Augen blickt sie hell und scharf...' Dorothea Viehmann im Bildnis

Vera Leuschner



Die Knallhütte bei Rengershausen - das Elternhaus der Dorothea Viehmann. Anfänge und Baugeschichte eines Straßenwirtshauses

Christian Presche



Ein neu entdecktes Bildnis Dorothea Viehmanns. Ludwig Emil Grimm in Niederzwehren

Holger Ehrhardt



Anhang

Dorothea Viehmanns Beiträge zu den Kinder und Hausmärchen



"Hier am Ort war dieselbe ... vor 1880 gar nicht bekannt." Die Erkundigungen und Aufzeichnungen des Niederzwehrener Pfarrers Bernhard Beß über Dorothea Viehmann



Verzeichnis der abgekürzt zitierten Literatur



Weiterführende Literatur zu Dorothea Viehmann



Autorinnen und Autoren



Abbildungsnachweis

Vorwort
Es war einmal... "eine Bäuerin aus dem nahe bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn"



Wer den Kasseler Stadtteil Niederzwehren besucht, findet vielfältige Hinweise auf Märchen und auf die Märchenfrau Dorothea Viehmann (1755 bis 1815). Bekannt wurde sie durch die beiden großen Sprachforscher Jacob und Wilhelm Grimm, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts über fast drei Jahrzehnte in Kassel lebten und wirkten. Für unsere Region zählen die Brüder Grimm inzwischen zu den profilbildenden Faktoren – kulturell, wissenschaftlich und touristisch.

In und um Kassel ist Dorothea Viehmann als eine "prächtige Quelle" für die Brüder Grimm bei der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen bekannt. Wilhelm Grimm schreibt über die "Bäuerin aus dem nahe bei Cassel gelegenen Dorfe Zwehrn", sie hätte ein "... gescheidtes Gesicht" und wäre "vor vielen Bauernsleuten ein kluges feines Wesen". In den Jahren 1813 und 1814 erzählte sie den Brüdern regelmäßig aus ihrem reichen Märchenschatz. Sie waren so beeindruckt von der Erzählweise ihrer neuen Quelle, dass sie deren Märchen nahezu wörtlich übernahmen. Dorothea Viehmann erzählte so lebendig und "bedächtig", dass Jacob und Wilhelm Grimm mitschreiben konnten. Zur Sammlung der Kinder- und Hausmärchen trug sie "die schönsten und meisten" bei, insgesamt mehr als 30.

Für die Brüder Grimm war Dorothea Viehmann "eine jener guten Zufälle", wie es in der Vorrede zum zweiten Band der Kinder- und Hausmärchen von 1815 heißt. Mit diesem "guten Zufall" beschäftigt sich dieser Band. Der Leser erfährt über Herkunft und Leben der Märchenfrau, ihre Bedeutung für die Märchensammlung der Grimms, über ihr hugenottisches Erbe und die Einflüsse französischer Märchen auf ihre Beiträge sowie viele Details zum historischen Umfeld. Zusammenhänge werden deutlich, über unerwartet Neues ist zu lesen.

Über allem steht das "staunenswerte Faktum", das Heinz Rölleke so beschreibt: ...dass diese einfache Frau sozusagen aus dem Fundus der Welt- und Märchenliteratur zu schöpfen wusste und dass ihre Erzählungen durch Grimms Märchen selber ein Stück Weltliteratur geworden und geblieben sind."

Mit dem vorliegenden 34. Band unserer Reihe "Die Region trifft sich – die Region erinnert sich" stellen wir eine außerordentliche Persönlichkeit unserer Region vor. Der Band ist insofern herausragend, als er die besondere Bedeutung einer Frau "aus dem einfachen Volke" für die Märchensammlung der Brüder Grimm herausstellt, die sich durch ihr Erzähltalent und durch ihre soziale Stellung erheblich von den anderen Märchenbeiträgern unterschied. Mit den Märchen der Viehmann haben die Brüder Grimm einen Bestseller geschrieben, der weltweit seinesgleichen sucht.

Für die herausgeberische Leistung danke ich Prof. Dr. Holger Ehrhardt. Er und die fünf Autoren haben die Person Dorothea Viehmann und ihr Wirken detailliert und in beeindruckender Weise dargestellt. Damit hält der Leser ein weiteres Mal ein Buch in den Händen, das besonders in unserer Region, aber auch bundesweit Aufsehen erregen dürfte.



Ingo Buchholz

Vorstandsvorsitzender der Kasseler Sparkasse
Leseproben
Dorothea Viehmann, geb. Pierson.

Herkunft, Lebensweg und Erinnerung



Holger Ehrhardt





Vorfahren

Die Bibliothèque Wallone in Leyden erteilte im Jahr 1949 dem Ahnenforscher Karl Pierson die Auskunft, dass „Pierson-Namensträger bis Mitte des 13. Jahrhunderts in Schottland nachzuweisen sind. Weitere Abwanderungen von dort führten über Holland nach Frankreich.“ Der älteste nachweisbare Namensträger Wautier Pieressone, ein Landbesitzer aus Berwickshire, findet sich in der Ragmann Roll, einem Gefolgschaftsgelöbnis schottischer Edelleute gegenüber Edward I. von England, das am 28. August 1226 unterzeichnet wurde. Weitere frühe Erwähnungen des Namens in Schottland sind David Perisone 1369, David Perysoun 1375, Johannes Peryson 1408, John Perison oder Peryson 1473, Sandie Peirsoun 1567 und Archibald Pierson 1642. In der südenglischen Grafschaft Buckinghamshire findet sich ein William Pearson, der am 28. Juli 1616 in Lavendon stirbt und der am 9. Juli 1577 in der nördlicheren Grafschaft Yorkshire, in Howden, geboren wurde. Der Name lässt sich in den Kirchenregistern von Howden sogar zwei Generationen weiter zurückverfolgen, über Williams Vater Thomas (1549–1583) und seinen Großvater John Pearson (1517–1570).

Noch ältere Belege finden sich im Südwesten Hollands, wo Peresone, Parson, Person, Piereson und ähnliche Namensformen in der Provinz Zeeland vor 1200 belegbar sind. Vermutlich ist es dieses Gebiet, aus dem die Vorfahren Dorothea Viehmanns, geb. Pierson, stammen, die sich ab dem letzten Drittel des 16. Jahrhunderts im lothringischen Metz lückenlos belegen lassen.

Der nachweisbar älteste Pierson-Vorfahr ist der Alturgroßvater von Dorothea Viehmann, der Schuhmacher Simon Pierson, der am 12. Juni 1588 Rachel Bourgeois (* 1562) heiratete. Die Ahnenlinie geht weiter über ihren Sohn Abraham (* 1589), einem Strumpfwirker und Schneider, zu dessen Sohn Isaac (1619–1673), einem Wundarzt, der 1654 Anne Modera (1638–1697) heiratete. Diese ist 1689 als Patin in den Kirchenregistern von Hofgeismar erwähnt und starb in Magdeburg. Ein Sohn aus der Ehe ist der Ururgroßvater Dorothea Viehmanns, der Gemeindevorsteher in Schöneberg, Isaak Pierson (1655–1741). Er war zweimal verheiratet; das erste Kind seiner zweiten Ehe mit Amalie Charlotte Runge (1672–1713) ist Jean Frederic bzw. Johann Friedrich Pierson (1698–1777). Dieser zog 1749 von Schöneberg nach Rengershausen und heiratete am 14. März die Witwe Anna Gertrud Müller, die das Gasthaus bei Rengershausen besaß. Er „scheint nach 1749 auf der Knallhütte zuerst auch eine Strumpfmanufaktur betrieben zu haben.“ Achtzigjährig starb er am 20. Oktober 1777 im Französischen Hospital in der Kasseler Oberneustadt. Sein Sohn, Isaac Pierson (1734–1798), ist der Vater von Dorothea Viehmann.

Dorothea Viehmanns Mutter, geboren als Martha Gerdrauth Spangenberg (1736–1804), war die Tochter des Kirchbaunaer Wirts und Gasthalters Jacob Spangenberg (1710–1776) und seiner Frau Maria Justina Kauffunger (1715–1750), einer Predigerstochter aus Densberg, die bereits mit 35 Jahren verstarb. Martha Gerdrauth wuchs als älteste von elf Geschwistern, von denen sechs Stiefgeschwister waren, unweit der Knallhütte auf. Jacobs Vater, Johann Jacob Spangenberg (um 1685–1757), der Urgroßvater von Dorothea Viehmann, hatte 1725 sein Anwesen in Niederzwehren verkauft und war mit seiner Frau Martha Gertraud Werner (um 1689–1763) nach Kirchbauna gezogen.

Über die Linie ihrer Großmutter Maria Justina Kauffunger war Dorothea Viehmann mit Johann Wolfgang von Goethe verwandt. Der Urgroßvater ihres Vaters, des Predigers in Densberg und später in Besse, Johann Daniel Kauffunger (1681–1734), hieß Valentin Schröder (um 1580–vor 1640) und war Bürgermeister in Schwarzenborn: Er war der gemeinsame Alturgroßvater der Viehmännin und Goethes. Sie ist somit eine Cousine vierten Grades von Goethe.

In der Viehmann-Biographik bisher unbeachtet blieb hingegen, dass ihr Altgroßvater, der Schneider und Strumpfwirker Abraham Pierson (geb. 1589), 1618, zu Beginn des Dreißigjährigen Krieges, in Metz Judith de Savigny (1589–1647), die Tochter von Thierry de Savigny, dem Besitzer des Hotels „Cheval blanc“, heiratete. Dieser ist gleichermaßen der Alturgroßvater von Friedrich Carl von Savigny (1779–1861) und von Dorothea Viehmann, die damit im gleichen Verwandtschaftsverhältnis zu Savigny wie zu Goethe steht, jeweils als eine Cousine vierten Grades.

Das Verblüffende an dieser Konstellation ist, dass es Savigny war, der die Brüder Grimm als akademischer Lehrer in Marburg mit dem Gedanken des Volksgeistes im Recht vertraut machte. Jacob und Wilhelm Grimms Sammlung von Volkspoesie, dem Ausdruck des Volksgeistes in der Dichtung, fand ihren Höhepunkt und begründete ihren Weltruhm durch die Herausgabe der „Kinder- und Hausmärchen“, zu deren zweitem Band Dorothea Viehmann „die schönsten und meisten“ Beiträge lieferte, sodass sie fortan zur Märchenfrau, zur mustergültigen Bewahrerin des Volksgeistes in der Dichtung stilisiert wurde. So verdankt die hugenottische Gastwirtstochter ihre Unsterblichkeit als prototypische Bewahrerin von volkspoetischer Stoffe auch ihrem aristokratischen Cousin Friedrich Carl von Savigny.

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